Arbeiten Sie hier bloß (nicht)!

„Kantinenessen lecker, Kollegen nett, Chef blöd: Auf Bewertungsportalen liest man alles Mögliche über Arbeitgeber. Aber wie aussagekräftig sind solche Plattformen? Was Bewerber mit solchen Urteilen anfangen können.“

So lautete der Teaser des Artikels im Handelsblatt online vom 17.02.2015 der Autorin Miriam Binner.

Falsche Frage, kann ich da nur sagen.

In dem geschilderten Fall wähnte sich eine Nina C. (Name geändert) im Bewerbungsgespräch bei einer Werbeagentur in Düsseldorf in einem falschen Film. Sie hatte sich trotz einiger negativer Erfahrungsberichte über die Firma in kununu beworben und fand in ihrem Bewerbungsgespräch die Bewertungen vollkommen bestätigt: „Ich habe mich noch nie so respektlos behandelt gefühlt“, sagt die 40-Jährige.

Was bei Hotels seit Jahren gang und gäbe ist, erfreut sich auch bei Unternehmen zunehmender Beliebtheit: immer mehr Bewerber informieren sich im Netz über potenzielle Arbeitgeber. Arbeitnehmer und Bewerber beurteilen auf Plattformen wie kununu, meinchef.de, jobvote.com und companize.com Arbeitgeber. Seit Mitte Januar ist auch das US-Portal Glassdoor in Deutschland am Start.

„Wer auf der Suche nach einem Job ist oder den Arbeitgeber wechseln möchte, sollte seine Entscheidung allerdings keinesfalls allein aufgrund der Bewertungen treffen“, wird in dem Artikel ein Bewerbungsberater namens Jörg Hallberg zitiert.

Die meisten Bewerber nutzen Bewertungsportale, um ihren Eindruck von einem Arbeitgeber abzugleichen. Dabei sollte man aber Vorsicht walten lassen, sagt Bewerbungsberater Jörg Hallberg: „Die Portale zeigen immer nur Mosaiksteine eines Unternehmens.“ Denn jede Bewertung sei nur ein einzelner, subjektiver Eindruck. Außerdem seien die persönlichen Hintergründe einer Bewertung nicht klar. Mitarbeiter, denen gekündigt wurde, neigten vermutlich dazu, negative Bewertungen abzugeben.

Aha, ist man da geneigt zu sagen. Dass dieser Bewerbungsberater die Bewerber offensichtlich für unzurechnungsfähig hält: geschenkt.

Bei kununu zum Beispiel können Mitarbeiter, Auszubildende oder Bewerber detaillierte Berichte über ihre Erfahrungen in einem Unternehmen veröffentlichen. Die Firma wird dabei in 13 Kategorien auf Skalen von einem bis maximal fünf Punkten bewertet. Bei den Kategorien handelt es sich zum Beispiel um Vorgesetztenverhalten, Kommunikation, Work-Life-Balance, Kollegenzusammenhalt, Arbeitsatmosphäre u.a..

kununu ist mit monatlich 1,1 Millionen Unique Usern die größte Arbeitgeber-Bewertungsplattform im deutschsprachigen Raum und gehört seit 2014 dem Online-Netzwerk Xing, das durch den Zukauf sein Informationsangebot für Arbeitnehmer erweitert hat.

Im weiteren Verlauf des Artikels geht es dann um Fragen der Korrektheit, der Beweislast für Aussagen, um die political correctness von Formulierungen und andere „Spitzfindigkeiten“.

Aber ist das wirklich das Thema? Ob die Kommentierungen einer „objektiven“ Überprüfung standhalten? Wohl kaum. Die Portale existieren und niemand, der eine Kommentierung über ein Unternehmen gelesen hat, denkt danach das gleiche über das Unternehmen wie vorher. Und das reicht aus, nach dem Motto: „wo Rauch ist, da ist auch Feuer.“ Man mag das gutheißen oder nicht: der Mensch nimmt auf diese Art und Weise wahr.

Und dann kommt der Hammer: „Auch wenn Kritik für Arbeitgeber unangenehm ist, viel können sie gegen negatives Feedback nicht unternehmen.“

Wie bitte? Wenn viele Hotelgäste eine schlechte Bewertung abgeben, dann kann man dagegen nichts machen? Wie wär’s mit besserem Service?

Wenn viele Arbeitnehmer eine schlechte Arbeitgeberbewertung abgeben, dann kann man dagegen nichts machen? Wie wär’s mit besserer Unternehmens- und Führungskultur?

Das sind die Stellschrauben, an denen die Unternehmen arbeiten sollten und auch arbeiten können!

Denn das Entscheidende ist: der Arbeitsmarkt dreht sich von einem Angebots- zu einem Nachfragemarkt. Nicht Mitarbeiter bewerben sich um Arbeitgeber, sondern Arbeitgeber bewerben sich um Mitarbeiter.

„Schon heute spüren wir einen Mangel an Fachkräften in einzelnen Berufen, Branchen und Regionen. Der Ausblick zeigt: Wir stehen erst am Anfang von tiefgreifenden Veränderungen auf unserem Arbeitsmarkt. Die Sicherung von Fachkräften wird zur Achillesferse für unsere Wirtschaft.“ So steht es bereits im Fortschrittsbericht 2012 zum Fachkräftekonzept der Bundesregierung aus dem Jahr 2013.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Sie als Unternehmer haben die Wahl: Sie fördern systematisch eine gute Unternehmens- und Führungskultur, zum Beispiel in dem Sie sich Gleichgesinnten in unserer Manufaktur für Führungskultur im Mittelstand e.V.“ anschließen.

Oder Sie halten es wie die Chefs der eingangs erwähnten Werbeagentur. Bevor Nina C. das Bewerbungsgespräch beendete, sprach sie die schlechten Bewertungen bei Kununu an – und trifft auf Gleichgültigkeit. „Darauf geben wir eh nichts“, habe der ältere der beiden Chefs über kununu gesagt.

Wie sagte Gorbatschow so treffend: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

 

Es grüßt Sie herzlich, Ihr

Michael Kohlhaas

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