Leidenschaft oder „Bloß keine Hektik“?

Während der erneute Anstieg der Mitarbeiterbindung Freude bereitet, erschreckt die hohe Anzahl der Beschäftigten, die bestenfalls Dienst nach Vorschrift leisten. Dies konstatierte der soeben veröffentlichte „Engagement Index 2014“ von Gallup. Nach den Ergebnissen des Meinungsforschungsinstitutes wird die emotionale Mitarbeiterbindung unmittelbar vom Führungsverhalten des direkten Vorgesetzten beeinflusst. Die hohe Zahl der inneren Kündigungen und das fehlende Engagement bei geringer emotionaler Bindung an das Unternehmen kostet die deutsche Wirtschaft jährlich horrende Summen. Gallup spricht von 73 bis 95 Milliarden.

Gute Nachrichten hört man immer gerne und diese gibt es laut Gallup „Engagement Index 2014“ aus den deutschen Unternehmen: Die Bindung der Mitarbeiter an ihr Unternehmen ist in 2014 gestiegen. D.h. der Gedanke an Kündigung wird zunehmend weniger geäußert und vor allem die Zahl der Mitarbeiter, die innerlich bereits gekündigt haben, sinkt zum zweiten Mal in Folge auf aktuell 15%. Dies ist Ausdruck zahlreicher, erfolgreicher Anstrengungen deutscher Unternehmen, ihre Mitarbeiter in Zeiten zunehmenden Mangels an Fachkräften an das Unternehmen zu binden. Und dies zahlt sich in barer Münze aus: Geringere Fluktuation und damit geringere Kosten durch Neubesetzungen sind nur ein kleiner Teil der Einsparungen. Kosten für Einarbeitung, Know-How-Verlust und Wiederaufbau von Kunden- oder Lieferantenbeziehungen sind schwerer zu quantifizieren, übersteigen jedoch die direkten Kosten der Neubesetzung um ein Vielfaches. Oftmals sind Neubesetzungen auch erst nach mehreren Monaten möglich. So beträgt die durchschnittliche Wiederbesetzungszeit je nach Branche und Qualifikationsanforderung bereits jetzt zwischen 90 und 120 Tage. Tendenz steigend.

Wenden wir den Blick jedoch auf die weiteren Gruppen der Befragung, so fällt auf, dass die Zahl der engagierten Mitarbeiter, also der Leistungsträger und Motivatoren eines Unternehmens, sogar um einen Prozentpunkt auf 15% zurück ging, nachdem sie seit Jahren auf niedrigem Wert stagnierte. Leicht zugenommen, von 67% in 2013 auf 70% in 2014, hat die viel zu hohe Zahl der im besten Fall mäßig Begeisterten.

Was heißt das für ein mittelständisches Unternehmen mit 100 Mitarbeitern?

Im Klartext haben 15 Mitarbeiter bereits innerlich gekündigt und füllen sowohl Kranken- als auch Fehlerstatistiken überproportional. 15 Mitarbeiter legen sich ins Zeug und versuchen wahrscheinlich auszugleichen, was am anderen Ende der Skala verloren geht. Und dazwischen leisten 70 Mitarbeiter mehr oder weniger versteckt unter dem Deckmantel der völligen Aus- oder Überlastung Dienst nach Vorschrift. Leidenschaft ist in dieser Gruppe nicht zu spüren – eher „Bloß keine Hektik, morgen ist auch noch ein Tag“ oder „Ich tue ja schon alles, was man von mir verlangt, mehr geht nicht“. Und damit haben sie vielleicht sogar recht, denn „um mehr“ geht es oftmals gar nicht.

Erfolgsfaktor Führung

Emotionale Mitarbeiterbindung und Führungsverhalten des direkten Vorgesetzten sind laut Gallup unmittelbar miteinander verknüpft. Somit ist der Fokus auf die Rolle der Führungskraft in der diesjährigen Auswertung mehr als verständlich. Fachkompetenz und Erfahrung sind die häufigsten Gründe für Beförderungen in Führungspositionen: Rund die Hälfte (51 %) der Führungskräfte sind in ihre derzeitige Position gekommen, weil sie viele Erfahrungen in ihrem Arbeitsgebiet gesammelt haben und längere Zeit im Unternehmen tätig sind. Doch das reicht häufig nicht und Marco Nink, Senior Consultant bei Gallup, hält diese Praxis der Führungskräfteauswahl in deutschen Unternehmen für problematisch.

Die Ergebnisse des Engagement Indexes 2014 geben sogar Anhaltspunkte, wie Unternehmen Führungskräfte weiterentwickeln können: Hervorragende Führung bedeutet für die Mitarbeiter Zugänglichkeit, Zuständigkeit und Zielorientierung und damit verbundene Verhaltensweisen, die über die zentralen Bedürfnisse am Arbeitsplatz – etwa konstruktivem Feedback, Lob und Anerkennung für gute Arbeit oder die Einbindung von Mitarbeitern in Entscheidungen – hinausgehen.

Führungsfehler und ihre Folgen für Unternehmen und Mitarbeiter

„Wenn das Führungsverhalten nicht stimmt und die Situation am Arbeitsplatz schlecht ist, leiden letztlich die Mitarbeiter psychisch und physisch darunter“, ergänzt Marco Nink. Beschäftigte ohne emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber empfinden eher das Gefühl ausgebrannt zu sein im Vergleich zu ihren emotional hoch gebundenen Kollegen (60% vs 21%) und lassen ihren Arbeitsstress eher an Freunden und Familie aus (41% vs. 9%), eine für Gesundheit der Mitarbeiter und die Arbeitsleistung höchst gefährliche Kombination. Ein Viertel der befragten Arbeitnehmer hat schon einmal seine Arbeitsstelle wegen eines Vorgesetzten gekündigt, um das eigene Wohlbefinden zu verbessern. Darüber hinaus weisen emotional nicht gebundene Mitarbeiter im Schnitt fünf Tage mehr Fehlzeiten auf als ihre emotional hoch gebundenen Kollegen. So kommen bei geschätzten Kosten von 250 € pro Fehltag mehr als 600.000 Euro nur aufgrund der erhöhten Fehlzeiten der emotional wenig gebunden Mitarbeiter bei einer Betriebsgröße von 1.000 Mitarbeitern zusammen.

Gute Führung ist also nicht nur ein gewaltiger Hebel für den Erfolg eines Unternehmens, sie ist auch ein Faktor für immense Kosteneinsparungen aufgrund geringerer Fehlzeiten.

Gallup: Engagement Index 2014

 

Michael Kirsch für Manufaktur für Führungsqualität im Mittelstand e.V.

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